Ich hab diese Zeit des Jahrs gar lieb, die Lieder die man singt; und die Kälte die eingefallen ist macht mich vollends vergnügt.

(Goethe, Briefe, an Kestner, 1772)

Weihnachts- und Neujahrs Gedichte von Goethe

Schöne Gedichte und besinnliche Verse und Sprüche zur Weihnachts- und Neujahrszeit von Goethe. Bekannte und weniger bekannte Weihnachtsgedichte des berühmten deutschen Dichters und Naturforschers. Lange und kurze, nachdenkliche und witzige Gedichte und Reime.

Hell und heller

So hinan denn! hell und heller,
Reiner Bahn, in voller Pracht!
Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,
Überselig ist die Nacht.

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, deutscher Dichter, Naturforscher)

Aus: Goethe, Gedichte; Nachlese, dem aufgehenden Vollmonde, 3. Vers.

Z I T A T
Das Jahrhundert ist vorgerückt; jeder Einzelne aber fängt doch von vorne an.

(Aus: Aphorismen und Aufzeichnungen, Maximen und Reflexionen; über Natur und Naturwissenschaft)

Weltseele

Verteilet euch nach allen Regionen
Von diesem heilgen Schmaus!
Begeistert reißt euch durch die nächsten Zonen
Ins All und füllt es aus!

Schon schwebet ihr in ungemeßnen Fernen
Den selgen Göttertraum,
Und leuchtet neu, gesellig, unter Sternen
Im lichtbesäten Raum.

Dann treibt ihr euch, gewaltige Kometen,
Ins Weit und Weitr hinan;
Das Labyrinth der Sonnen und Planeten
Durchschneidet eure Bahn.

Ihr greifet rasch nach umgeformten Erden
Und wirket schöpfrisch jung,
Daß sie belebt und stets belebter werden
Im abgemeßnen Schwung.

Und kreisend führt ihr in bewegten Lüften
Den wandelbaren Flor
Und schreibt dem Stein in allen seinen Grüften
Die festen Formen vor.

Nun alles sich mit göttlichem Erkühnen
Zu übertreffen strebt;
Das Wasser will, das unfruchtbare, grünen,
Und jedes Stäubchen lebt.

Und so verdrängt mit liebevollem Streiten
Der feuchten Qualme Nacht;
Nun glühen schon des Paradieses Weiten
In überbunter Pracht.

Wie regt sich bald, ein holdes Licht zu schauen,
Gestaltenreiche Schar,
Und ihr erstaunt, auf den beglückten Auen,
Nun als das erste Paar,

Und bald verlischt ein unbegrenztes Streben
Im selgen Wechselblick.
Und so empfangt mit Dank das schönste Leben
Vom All ins All zurück.

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, deutscher Dichter, Naturforscher)

Goethe, Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1827; Gott und Welt.

Z I T A T
Nichts ist höher zu schätzen als der Wert des Tages.

(Aus: Aphorismen und Aufzeichnungen, Maximen und Reflexionen; Wilhelm Meisters Wanderjahre; aus Makariens Archiv.)

Weihnachten

Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süße spendend.
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend -
Solch ein Fest ist uns bescheret.
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und Her und immer wieder.

Aber, Fürst, wenn dir's begegnet
Und ein Abend so dich segnet,
Dass als Lichter, dass als Flammen
Von dir glänzten all zusammen
Alles, was du ausgerichtet,
Alle, die sich dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, deutscher Dichter, Naturforscher)

Goethe, Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1827; Inschriften, Denk- und Sendeblätter.

Zum neuen Jahr

Zwischen dem Alten,
Zwischen dem Neuen
Hier uns zu freuen,
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heißt mit Vertrauen
Vorwärts zu schauen,
Schauen zurück.

Stunden der Plage,
Leider, sie scheiden
Treue von Leiden,
Liebe von Lust;
Bessere Tage
Sammlen uns wieder,
Heitere Lieder
Stärken die Brust.

Leiden und Freuden,
Jener verschwundnen,
Sind die Verbundnen
Fröhlich gedenk.
O des Geschickes
Seltsamer Windung!
Alte Verbindung,
Neues Geschenk!

Dankt es dem regen,
Wogenden Glücke,
Dankt dem Geschicke
Männiglich Gut,
Freut euch des Wechsels
Heiterer Triebe,
Offener Liebe,
Heimlicher Glut!

Andere schauen
Deckende Falten
Über dem Alten
Traurig und scheu;
Aber uns leuchtet
Freundliche Treue;
Sehet, das Neue
Findet uns neu.

So wie im Tanze
Bald sich verschwindet,
Wieder sich findet
Liebendes Paar;
So durch des Lebens
Wirrende Beugung
Führe die Neigung
Uns in das Jahr.

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, deutscher Dichter, Naturforscher)

Goethe, Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1827; gesellige Lieder.

Z I T A T
Wo Lampen brennen, gibt's Ölflecken, wo Kerzen brennen, gibt's Schnuppen; die Himmelslichter allein erleuchten rein und ohne Makel.

(Aus: Aphorismen und Aufzeichnungen, Maximen und Reflexionen, aus dem Nachlass; über Literatur und Leben.)

Hoffnung

Schaff, das Tagwerk meiner Hände,
Hohes Glück, daß ich's vollende!
Laß, o laß mich nicht ermatten!
Nein, es sind nicht leere Träume:
Jetzt nur Stangen, diese Bäume
Geben einst noch Frucht und Schatten.

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, deutscher Dichter, Naturforscher)

Aus: Goethe, Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1827; Lieder.

Z I T A T
Freiheit! ein schönes Wort, wer's recht verstände.

(Goethe, Dramen, Egmont, 4. Akt; Alba)

Christgeschenk

Mein süßes Liebchen! Hier in Schachtelwänden
gar mannigfalt geformte Süßigkeiten.
Die Früchte sind es heilger Weihnachtszeiten,
gebackne nur, den Kindern auszuspenden!

Dir möchte ich dann mit süßem Redewenden
poetisch Zuckerbrot zum Fest bereiten;
allein was soll's mit solchen Eitelkeiten?
Weg den Versuch, mit Schmeichelei zu blenden!

Doch gibt es noch ein Süßes, das vom Innern
zum Innern spricht, genießbar in der Ferne,
das kann nur bis zu dir hinüber wehen.

Und fühlst du dann ein freundliches Erinnern,
als blinkten froh dir wohlbekannte Sterne,
wirst du die kleinste Gabe nicht verschmähen..

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, deutscher Dichter, Naturforscher)

Aus: Goethe, Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1827; Sonette.

Auf, ihr Brüder

Auf, ihr Brüder! Ehrt die Lieder!
Sie sind gleich den guten Taten.
Wer kann besser als der Sänger
Dem verirrten Freunde raten?
Wirke gut, so wirkst du länger,
Als es Menschen sonst vermögen.

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, deutscher Dichter, Naturforscher)

Aus: Goethe, Gedichte, Ausgabe letzter Hand, 1827, Kantaten; Deutscher Parnass, 5. Vers.

Z I T A T
Kantilene: die Fülle der Liebe und jedes leidenschaftlichen Glücks verewigend.

(Aus: Aphorismen und Aufzeichnungen, Maximen und Reflexionen, aus dem Nachlass; über Literatur und Leben.)

Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt

Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Hangen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt –
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, deutscher Dichter, Naturforscher)

Aus: Goethe, Dramen, Egmont, 3. Akt; Klärchen singt.

Z I T A T
So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischet, so erfrischet das Gebet die Hoffnungen des Herzens.

(Aus: Aphorismen und Aufzeichnungen, Maximen und Reflexionen; Wilhelm Meisters Wanderjahren; aus Makariens Archiv.)

Die Jahre

Die Jahre sind allerliebste Leut:
Sie brachten gestern, sie bringen heut,
Und so verbringen wir Jüngern eben
Das allerliebste Schlaraffenleben.
Und dann fällt's den Jahren auf einmal ein,
Nicht mehr wie sonst bequem zu sein,
Wollen nicht mehr schenken, wollen nicht mehr borgen
Sie nehmen heute, sie nehmen morgen

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, deutscher Dichter, Naturforscher)

Aus: Goethe, Gedichte. Ausgabe letzter Hand, 1827. Epigrammatisch.

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